Das Gebäude am Rennweg 89a: vom Leerstand zum Lernort
Was macht man mit über 500 m² Leerstand mitten in Wien? Man öffnet sie. Im Transformer am Rennweg 89a machen Kinder, Jugendliche, Studierende, Forschende und Organisationen Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz mit den eigenen Händen erfahrbar. Hier gibt es den seltenen Freiraum, sich schmutzig zu machen, Fehler zu machen, zu testen und zu bauen – und dabei neue Materialien und Werkzeuge kennenzulernen. MINT- und Umweltbildung wird so zugänglich und erlebbar wie nirgendwo sonst.

Der TU Wien Transformer belebt ein lange leerstehendes Gebäude im dritten Wiener Gemeindebezirk neu – als offenen Co-Creation Space für Klima & Energie. Das Haus ist dabei nicht nur Hülle, sondern selbst Teil des Projekts: Es wurde saniert, barrierefrei zugänglich gemacht und wird gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und der Nachbarschaft laufend weitergestaltet.

Der Standort auf einen Blick
- Adresse: Rennweg 89a, 1030 Wien (Bezirk Landstraße)
- Fläche: über 500 m² ehemaliger Leerstand, neu belebt
- Räume: ein großer Mehrzweckräume mit rund 60 m², mehrere kleinere Räume (2x Klassenraumgröße sowie Werkstätten für Maschinen, Holz und Bau, Küche und bespielbare Gänge und Stiegenhaus)
- Saniert: Dezember 2023 bis Juni 2024, barrierefrei zugänglich
- Eröffnet: Juni 2024 im Rahmen der Klima Biennale Wien
- Nutzung heute: offener Co-Creation Space für Klima & Energie – Workshops, offene Werkstatt und Kulturprogramm
Die Arbeit am Gebäude im Zuge des Projekts
Aus Lagerräumen werden Lernräume
Vor dem Projekt standen die Räumlichkeiten am Rennweg 89a jahrelang leer – zuletzt genutzt als private Schule, Flüchtlingsunterkunft sowie Lager-, Technik- und Büroflächen. Damit hier Schulklassen, Workshops und offene Werkstattformate stattfinden können, wurden Erdgeschoss und erstes Obergeschoss von Dezember 2023 bis Juni 2024 in Abstimmung mit der Gebäudeeigentümerin, der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), saniert und adaptiert:
- Aus vier ehemaligen Lagerräumen im Erdgeschoss entstanden zwei große Mehrzweckräume – heute ist einer davon das Herzstück für Workshops mit bis zu 20–25 Personen, der andere wird vom Lessing Theater für Aufführungen genutzt.
- Die Sanitäranlagen wurden komplett neu errichtet, inklusive eines barrierefreien WCs im Erdgeschoss.
- Fluchtwege, Türen und Brandschutz wurden an die neue, öffentliche Nutzung angepasst – ein entscheidender Schritt, denn aus einem Bürogebäude für wenige Mitarbeiter:innen wurde ein Ort, der Kindern, Jugendlichen und Besucher:innen offensteht.
- Die historischen Kastenfenster wurden saniert und bleiben als Zeugnis der Gebäudegeschichte erhalten.
Die Einreichplanung stammt von Werkhof Architekten ZT GmbH (2024). Eröffnet wurde der Standort im Juni 2024 im Rahmen der Klima Biennale Wien; kleinere Bauarbeiten liefen noch über den Sommer weiter.
Gemeinsam gestalten statt fertig übergeben
Ein Co-Creation Space wird nicht für, sondern mit seinen Nutzer:innen gebaut. Kinder und Jugendliche waren und sind an der Gestaltung „ihres“ Gebäudes direkt beteiligt:
- Im Projekt barrierefreie Raumgestaltung erarbeiteten Jugendliche gemeinsam mit dem Team, wie die Räume für alle zugänglich und nutzbar werden – die Ergebnisse flossen direkt in die Planung des Erdgeschosses ein.
- In Bau-Workshops entstanden Möbel und Spielelemente aus Altmaterialien – von Sitzgelegenheiten über ein Leitsystem bis zu Schaukel und Rutsche, geplant und gebaut von den Kindern und Jugendlichen selbst.
- Begrünungselemente aus Upcycling-Materialien kühlen das Gebäude im Sommer und machen Klimawandelanpassung direkt am Haus erlebbar.
- Im Sommer werden am Gebäude Materialien für den Hitzeschutz getestet – das Haus wird so zum realen Experimentierfeld.



Das Gebäude als Lernobjekt
Der Transformer folgt dem Prinzip des Lernens am echten Objekt: Ein Altbau mit Geschichte zeigt anschaulicher als jedes Schulbuch, was Themen wie Dämmung, sommerliche Überhitzung, Materialkreisläufe oder die Umnutzung von Bestand bedeuten. Dass Sanierung und Weiternutzung eines bestehenden Gebäudes Ressourcen und CO₂ sparen – Stichwort graue Energie –, erleben die Teilnehmer:innen hier nicht als Theorie, sondern als gelebte Praxis. Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern wird das Gebäude Schritt für Schritt weiterentwickelt.

Die Rennweg-Oase: ein Parklet vor der Tür
Auch vor dem Gebäude wurde gestaltet: Gemeinsam mit Schüler:innen des Camillo Sitte Bautechnikums (CSBT) entstand das Parklet „Rennweg-Oase“ – eines der Gewinnerprojekte des Programms „Grüne Parklets“ der Stadt Wien (2024). Ziel war es Grün, Sitzgelegenheiten und Aufenthaltsqualität an den Rennweg zu bringen. Leider war eine Aufstellung am Rennweg nicht möglich, weswegen es in St. Marx vor dem CSBT seine Heimat gefunden hat. Das Parklet zeigt im Kleinen, wie klimafitte Straßenräume aussehen können und wird laufend bespielt; die Eröffnung fand im Herbst 2024 statt, Workshops zur Begrünung folgten 2025.

Ein geschichtsträchtiger Ort
Vom Waisenhaus zur Kaserne (1759–1918)
Von 1759 bis 1763 entstand am Rennweg 89-93 ein Neubau des bereits 1745 gegründeten Waisenhauses samt Kapelle, die als ehemalige Waisenhauskirche und heute als Pfarrkirche „Maria Geburt“ unter Denkmalschutz steht. 1761 wurde das Waisenhaus von Maria Theresia gekauft und 1767-1771 mit dem Bau des westlichen Trakts erweitert.1 Ebenso wie der östliche Trakt, wurde das zweigeschössige Bauteil mit der Traufseite zum Rennweg errichtet.2

Waisenhaus und St. Marx Areal, Vogelschauplan der Stadt Wien (Huber-Plan) um 1773 [Quelle: Stadt Wien Kulturgut]1785 wurde das Waisenhaus schließlich durch Joseph II. aufgehoben und auf den Alsergrund ins Spanische Spital verlegt. In Folge dessen wurde der spätbarocke mehrhöfige Gebäudekomplex durch die Österreichisch-Ungarische Artillerie 1797 als Kaserne adaptiert. Die Rennweger Kaserne durchlief mehrere Erweiterungen: 1832 entstanden stadtseitig zwei neue Höfe, 1854 wurde der Backsteinbau einer Winterreitschule durch August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll im Hof errichtet und 1880 fand der Bau des Garnionspitals II statt.3

Rennweger Kaserne, Kartenausschnitt vom Stadtplan 1887 [Quelle: Stadt Wien Kulturgut]Das 20. Jahrhundert: vom Militär zur zivilen Nutzung
Hin uns wieder stolpern wir über Relikte der Vergangenheit in den alten Mauern, deswegen notieren wir hier Informationen zu früheren Nutzungen.
So z.B. wurde der Rennweg 89 In der Zwischenkriegszeit bis 1934 Zentral-Fachambulatorium des Bundesheers genutzt4. 1932 gab es jedoch ein Ansuchen zur Baubewilligung einer Kraftwagenhalle am Rennweg 89 a, von der Bauabteilung der 2. Brigade (12090). 5 In den späteren Jahren der 30-er findet sich ein Artikel6 zum Schützen-Regiment 2, indem angeführt wird, dass das II. Bataillon nach anfänglicher Stationierung in Wiener-Neustadt in die Rennweg-Kaserne verlegt wurde. Ab 1945 wurde die Kaserne zivil genutzt, z.B. als Gendarmeriekaserne oder für die Bundesgebäudeverwaltung7. 1955 befand sich z.B. die Gendarmerieschule des Bundesministeriums für Inneres,III am Rennweg 898.
VinziPort: Notschlafstelle für Obdachlose (2013–2020)
2013 eröffnete eine Notfschlaffstelle des Vinziwerks als Ersatzquartier am Rennweg 89a seine Pforten9. Geplant waren zwei Jahre dort zu bleiben, Besitzer des Gebäudes war ARE (Austrian Real Estate)10. Im Zuge der Gestaltung der Räumlichkeiten entstanden mit Schüler:innen des Rainergymnasiums die Gang- und Raumbemalungen, die wir bis heute im 1. Stock teilweise noch sehen können11. Das VinziPort war eine ganzjährige Notschlafstelle für obdachlose EU-Bürger. Es bot Platz für bis zu 55 Männer, die dort gegen eine geringe Gebühr von zwei Euro übernachten konnten. Neben einem Bett gab es Abendessen, Duschen und Zugang zu grundlegenden Hilfen. Die niederschwellige Einrichtung richtete sich an Menschen, die keine anderen Hilfsangebote nutzen konnten. 2019 startete laut Jahresbericht der Umzug in ein neues zu Hause für das Vinziport12, März 2020 war der Mietvertrag zu Ende13.

Heute: Co-Creation Space und Kulturort
Seit der Eröffnung im Juni 2024 füllt der Transformer das Erdgeschoss und Teile des Obergeschosses mit Leben. Temporäre Bespielungen – etwa im Rahmen der Klima Biennale Wien – öffnen das Gebäude zusätzlich für die Stadtöffentlichkeit. Angebote wie Workshops für Schulklassen und offene Werkstattformate machen den Ort für alle zugänglich.
Das Lessingtheater, unser Mitbenutzer am Standort Rennweg 89a, ist eine Bühne für zeitgenössisches und klassisches Theater, das mit einem Fokus auf gesellschaftliche und kulturelle Themen inspiriert. Mit einer Mischung aus Eigenproduktionen und Gastspielen bereichert es die Wiener Kulturszene und schafft Raum für kreative Begegnungen und Dialoge. Gemeinsam teilen wir einen Ort, der Kreativität und Inspiration in vielfältigen Formen ermöglicht.

Quellen:
- https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Waisenhaus_(3) ↩︎
- https://de.wikipedia.org/wiki/Waisenhaus_am_Rennweg ↩︎
- https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Rennweger_Kaserne ↩︎
- https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Garnisonsspital_II ↩︎
- https://www.digital.wienbibliothek.at/download/pdf/1930874.pdf ↩︎
- https://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/Schutzenregimenter/SR2.htm ↩︎
- https://www.truppendienst.com/fileadmin/user_upload/TD_vor_50_Jahren/1991/Militaerische_Einrichtungen_Wiens_im_Wandel_der_Zeit__I_.pdf ↩︎
- https://www.digital.wienbibliothek.at/download/pdf/1808852.pdf ↩︎
- https://kurier.at/chronik/wien/notschlafstelle-vinziport-eroeffnet/35.220.182 ↩︎
- https://www.diepresse.com/1437499/aktuelles-aus-der-immobilienbranche ↩︎
- https://www.rainergymnasium.at/aktivitaeten/id/2014-01-28-vinziport/ ↩︎
- https://www.vinzi.at/wp-content/uploads/2020/04/Jahresbericht_2019_Wiener-VinziWerke.pdf ↩︎
- https://augustin.or.at/zuhause-auf-zeit/ ↩︎
